Leserfrage: Verhütung möglichst hormonfrei – verschiedene Methoden mit Erfahrungswerten aus der Gyn-Praxis

Liebe Madeleine!
Natürlich kenne ich Dich und Deine Krankengeschichte nicht und kann Dir deshalb nur relativ allgemein antworten. Ich möchte Dich und die anderen Leser/innen aber mit ein wenig Hintergrundwissen versorgen, dass Dir und Ihnen vielleicht bei der Entscheidungsfindung des ,,richtigen“ Verhütungsmittels, welches nach Deinen Angaben möglichst hormonfrei sein sollte, helfen kann.

Übrigens waren keine Pharma-Firmen involviert, obwohl Produkt-Namen genannt werden, da ich es wichtig finde, mit welchen Produkten die Erfahrungswerte gesammelt wurden und Beispiele zu nennen. Sollte dies trotzdem als Werbung gelten, deklariere ich den Artikel als solche. Der Focus ist dabei auf häufig gefragte Fakten gelegt. Auf alle Fälle solltest Du das Vorgehen gemeinsam mit einem Gynäkologen Deines Vertrauens besprechen, damit dieser Deine individuellen gesundheitlichen Aspekte berücksichtigen kann.

1. Intrauterinpessare (IUP)


1.1. Hormonfreie Spirale (Kupferkette)

Für eine Hormon- arme oder -freie Verhütung gibt es einige Möglichkeiten, die auch ein wenig damit zusammenhängen, wie sicher Du verhüten möchtest. Zuerst einmal komme ich auf dem Vorschlag Deines Gynäkologen zu sprechen, Dir eine Spirale einzusetzen. Es gibt seit einiger Zeit relativ kleine Spiralen, die sich auch bei Frauen, die noch nicht geboren haben, bewährt haben.

Hier ist zum einen eine Mini-Spirale, die ganz ohne Hormone auskommt, auf dem Markt. Sie heißt ,,Gynefix“. Es handelt sich um eine Aneinanderreihung von aufgefädelten Kupferröhrchen. Die Kupferkette wird innen an der Gebärmutter befestigt. Im Gegensatz zur herkömmlichen Kupfer-Spirale ist sie flexibler und besser verträglich. Die herkömmliche Spirale hat eine T-Form und ist nicht fixiert. Einer der Nachteile von Gynefix ist, dass es in seltenen Fällen dazu kommt, dass sich die Verankerung in der Gebärmutter löst und sie ausgestoßen wird. Natürlich ist dann eine Verhütung nicht mehr gegeben. Beim Legen kann es zu Durchstoßungen oder danach zu Entzündungen kommen. Auch das Entfernen kann in Einzelfällen problematisch sein, wobei sich die Kette aber normalerweise mit einem kurzen Ruck einfach aus der Verankerung löst.

In den Zyklus und das hormonelle System wird bei der Kette nicht eingegriffen, die Wirkung wird durch das Kupfer erreicht, dass das Spermium am Vorwärtskommen hindert. Allerdings kann es, zumindest in der Anfangszeit, zu gehäuften oder verlängerten Blutungen kommen, wobei die Verträglichkeit aber insgesamt etwas höher sein soll. Diese Kupferkette kann 5 Jahre belassen werden, aber auch jederzeit entfernt werden. Eine Schwangerschaft ist dann sofort möglich. Manche Frauenärzte haben allerdings mit der Kupferkette wenig Erfahrung und bieten sie deshalb auch (noch) nicht an.

1.2. Gestagen Mini-Spirale

Zum anderen gibt es andere kleine Spiralen (z.B. Jaydess u.a.) die allerdings auch ,,nur“ Gestagen (Levonorgestrel) enthalten und kein Östrogen. Auch sie können Frauen eingesetzt werden, die noch nicht geboren haben. Der Eisprung wird übrigens auch nicht unterdrückt. Allerdings baut sich die Gebärmutterschleimhaut durch die Gestagenwirkung nicht so stark auf, deshalb wird die Blutung meist schwächer und hört bei manchen Patientinnen ganz auf. Bei der herkömmlichen, kombinierten Pille kommt es zu einer Unterdrückung des Eisprunges und während der siebentägigen Pillenpause zu einer sogenannten Abbruchblutung, in der das aufgebaute Endometrium abblutet.

Diese Mini-Spirale ist also dann sinnvoll, wenn man schmerzhafte, stärkere Blutungen hat, die man gerne etwas ,,abschwächen “ würde.

Wie sich die Schmerzen beim Legen einer Spirale reduzieren lassen

Das Legen von Spiralen kann generell zuweilen schmerzhaft sein. Deshalb verschreiben manche Gynäkologen vorher Tabletten, die den Muttermund weicher machen und empfehlen (auch schon vorher) die Einnahme eines Schmerzmittels. Zudem wählen sie den Zeitpunkt der Einlage während der Blutung, weil dann der Muttermund sowieso etwas geöffnet ist. Bei äußerst schmerzempfindlichen oder ängstlichen Patienten kann man die Einlage auch in einem kurzen Dämmerschlaf durchführen, was aber relativ teuer ist, weil ein Anästhesist für die Überwachung anwesend sein sollte.

2. Gestagen-Pillen (,,Still-Pille“)

Es gibt aber auch Pillen. die nur Gestagen enthalten (z.B. Cerazette oder Jubrele). Sie werden von Frauen verwendet, die beispielsweise gerade geboren haben und stillen möchten oder von solchen, die keine Östrogene vertragen. Durch Desogestrel kommt es zu einer Verdickung des Gebärmutterhalsschleims, so ist der Weg der Spermien in die Gebärmutter zur Eizelle verhindert. zudem kann sich die Eizelle nicht mehr einnisten. So kommt es in neun von zehn Fällen zur Unterdrückung des Eisprungs, wodurch eine hohe empfängnisverhütende Wirkung gewährleistet ist.

3. Lokale chemische Verhütungsmittel


Seit vielen Jahren gibt es allerdings auch mechanische Verhütungsmittel, die in den letzten Jahren etwas in Vergessenheit geraten sind. So gibt es Schaumzäpfchen z.B. Patentex oval), die spermizid wirken. Sie werden etwa 10 Minuten vor dem Verkehr eingeführt. Ihre Wirkung hält etwa eine Stunde an. Zur Sicherheit sollte man nach einem Samenerguss vor dem nächsten ein neues Zäpfen einführen und wieder 10 Minuten warten, bis es sich aufgelöst hat und seien Wirkung entfalten kann.
Dabei bildet es einen Schaum. Dieser hemmt die Bewegung der Samenfäden, zusätzlich wird eine Schaumbarriere aufgebaut, die das Eindringen des Samens in die Gebärmutter verhindert. Von fast allen Patienten, die mir berichtet haben, wurde das Zäpfchen gut vertragen, wenige Frauen berichteten über ein ,,etwas komisches Gefühl, etwas heiß oder so, aber nicht schlimm“. Bei Einzelfällen kann es aber zu Unverträglichkeiten kommen. Besonders, wenn man unter Allergien leidet, sollte man deshalb etwas vorsichtig sein. Manchmal tritt schon vor dem Verkehr etwas Schaum aus, der aber nicht färbt oder riecht. Der Pearl – Index (Schwangerschaften pro 100 Anwendungsjahre bzw. pro Jahr bei 100 Frauen ) beträgt 5-10. Die Creme oder das Gel (z.B. Gynol II) wird meist in Verbindung mit einem Diaphragma gebraucht
Um die Sicherheit zu erhöhen, gibt es verschiedene mechanische Möglichkeiten: Verhütungsschwamm, Femidom, Kondom, Diaphragma (z.B. Caya). Zudem kann man Temperatur-, Billings- , Farnkraut-, Kalender- und sonstige Methoden anwenden, um seinen Eisprung vorherzusagen und so an den befruchtungsfähigen Tagen mehr aufzupassen.

4. Berechnung der fruchtbaren Tage (Zur Empfängnisverhütung in Kombi mit anderen Methoden)

Dazu berechnet man als erstes den Eisprung. Abgesehen davon, dass es im Internet viele solcher Eisprung-Rechner gibt, kann man das natürlich auch selbst tun.

Formel: Tag des Eisprungs = Erster Tag der letzten Periode plus (durchschnittliche Zykluslänge minus 14)

Minus 14 deshalb, weil man davon ausgeht, dass der Eisprung immer 14 Tage vor der nächsten Regelblutung stattfindet.
Da Spermien allerdings 2 bis 3 Tage lebensfähig sind, beginnen die fruchtbaren Tage schon 2 bis 3 Tage vor dem Eisprung. Nach dem Eisprung hängt die fruchtbare Zeit von der Lebensdauer der Eizelle ab, die bei höchstens 1 Tag liegt.

Zur Berechnung der fruchtbaren Tage müssen also 3 Tage vor dem Eisprung bis 1 Tag nach dem Eisprung berechnet werden. Möchte man schwanger werden, hält man sich vor allem an diese 4 -5 Tage im Monat. Diese Methode eignet sich alleine allerdings nicht zur Verhütung, weil der Zyklus immer schwanken kann und sie so zu unsicher ist!

Formel Befruchtungsfähige Zeit : Tag des Eisprung im Verlauf des Zyklus (der erste Tag der Periode gilt als erster Zyklustag) – 3 +1.

Bsp.: Ist Dein Zyklus leicht verlängert, z.B. 30 Tage, ist der Eisprung am 16. Zyklustag. Die befruchtungsfähige Zeit ist also vom 13. bis zum 17. Zyklustag.

Möchte man die Methode zur Empfängnisverhütung nutzen, gibt man jew. noch mindestens zwei Tage ,,Sicherheitsabstand“ hinzu, schwankt der Zyklus stärker, auch mehr.

Im o.g. Beispiel wäre dann vom 11. bis 19. Zyklustag eine ,,unsichere“ Zeit.

5. Kombinationsmöglichkeiten

Kombiniert man diese Methode z.B. mit der Untersuchung des Zervixschleimes (ist um den Eisprung herum zwischen zwei Fingern zu Fäden ausziehbar), einer spermiziden Creme oder Gel und einem Diaphragma oder Kondom kann man die Sicherheit steigern, wobei sie stark davon abhängt, wie genau die Methoden angewandt werden.
Es gibt Frauen, die mit solchen Modellen ohne jegliche chemische Verhütung und dem etwas erhöhtem Risiko einer Schwangerschaft (je nach Genauigkeit zwischen 3 und 30 Schwangerschaften je 100 Anwendungsjahre) jahrelang zufrieden sind, andere möchten lieber nahezu ,,absolute“ Sicherheit mit einem Pearl-Index unter 1, für die ist dann die hormonfreie Spirale eine Alternative.
Immer wieder werde ich nach der Temperaturmethode gefragt. Am Anfang meiner Laufbahn habe ich mir, wie ich dass gelernt hatte, immer die Zyklus-Temperaturkurven vorlegen lassen. Es lagen aber bei geschätzten 80% der mir vorgelegten Kurven so starke Schwankungen vor, dass sie nicht zur Empfängnisverhütung geeignet schienen. Das liegt, anders als in manchen Lehrbüchern beschrieben, nicht daran, dass diese Frauen keinen Eisprung gehabt hätten, sondern weil die Temperatur von vielen verschiedenen Dingen wie körperliche Aktivität, kleinere und größere Infekte, Tageszeit, Aufstehzeit, Außentemperatur und Medikamenteneinahme abhängig sein kann.

Insofern bin ich persönlich kein Fan der klassischen ,,Symptothermalen Methode“, bei der verschiedene Körperzeichen (auch die Temperatur) kombiniert und in doppelter Kontrolle ausgewerte werden, obwohl der Pearl Index sehr sicher sein soll (s.u.).

So, Liebe Madeleine, ich hoffe nun, ich konnte Dir durch obigen Text eine Reihe von Alternativen mit wenig oder keinen Hormonen darstellen. Natürlich sind das nur allgemeine Anhaltspunkte. Ich bitte Dich, die genaue Vorgehensweise für Deine individuelle Situation mit einem Gynäkologen Deines Vertrauens zu besprechen, der auch prüfen kann, ob vielleicht Gegenanzeigen bestehen, welche Sicherheit für Dich akzeptabel ist und wie genau Du Lust hast, Deinen Körper selbst zu beobachten. Deshalb gibt es nicht ,,die Methode“ die man allen Frauen anbieten kann, aber eine Reihe von Möglichkeiten, unter denen Du sicher die für Dich beste finden kannst.


Ich wünsche Dir, dass Du bald fündig wirst und ohne Probleme nach Deinen Wünschen (in jeder Hinsicht) aktiv werden kannst!
Dr. Nessy

Weitere Literatur auf diesem Block teilweise inhaltliche Überschneidungen möglich)

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